Jazz Braunschweig

Für auswärtige Besucher bietet der Pianist einen Einblick in Stadt, Kultur und Jazz in Braunschweig.
Ferner beschreibt er die lokalen Bezugspunkte und Ziele seines eigenen pädagogischen und kulturellen Wirkens.

Sitz des Kulturinstituts

Braunschweig gehört mit etwa 250 000 Einwohnern als zweitgrößte Stadt Niedersachsens zu den kulturstarken Metropolen des Landes. Durch überregional bedeutende Kulturinstitutionen wie der Universität, dem Staatstheater Braunschweig, dem Braunschweiger Staatsorchester, der Städtischen Musikschule, sowie der Nähe zur Musikhochschule Hannover verfügt die Stadt über eine reiche Dichte an akademisch studierten Berufsmusikern, die in der Stadt tätig sind und das kulturelle Niveau prägen. Braunschweig wird mit dem NDR von einem der wichtigsten Jazzsender Deutschlands versorgt, der eine eigene, international profilierte Jazz Big Band und ein profiliertes Jazzprogramm im Sendegebiet betreibt. Von überregionaler Bedeutung sind ferner die beiden Braunschweiger Klavierbauer zu nennen, Grotrian-Steinweg und Schimmel, die fast 40 % der bundesdeutschen Klavierproduktion ausmachen, und als Repräsentanten des qualifizierten deutschen Klavierbaus Instrumente im oberen Qualitätssektor herstellen. Beide prägen die lokale Kultur mit einer pianistischen Note mit. Jazzpiano war daher schon immer stark im Fokus geförderter Kunstsparten dieser Klavierbauerregion, die städtische Musikschule etwa gehört als musikpädagogisches Kompetenzzentrum zu den wenigen bundesdeutschen Musikschulen mit einer Vollstelle Jazzpiano, und die Stadt selbst verfügt für ihre Größe über eine hohe Dichte qualifizierter Konzertflügel für ein reichhaltiges pianistisches Kulturleben.
Städtisch wird Kultur professionell vom Kulturinstitut unter Kulturdezernentin Dr. Anja Hesse gebündelt und gefördert. Institutionen wie das Braunschweiger Traditionsevent Kulturnacht zeigen dabei mit fast 2000 aktiven Musikern in einer einzigen Nacht - fast 1 % der Bevölkerung - die so erreichte Breite lokaler Musikkultur auf. Mit Jazzposaunist Nils Wogram, Absolvent der Städtischen Musikschule, gingen in den letzten Jahren mit dem Jazz Echo und dem Deutschen Jazzpreis gleich die zwei wichtigsten deutschen Jazzauszeichnungen nach Braunschweig.

Informationen über Braunschweig

Live beim Classix Festival
In den letzten 10 Jahren hat sich in der Region ein erfreulich breites Spektrum von Konzertanbietern aller Art im Jazzbereich entwickelt, welche die Vielfalt des Jazz zunehmend bereicherten und immer wieder neue Spielorte und Konzepte erschloss. Immer wieder gab es Festivals von überregionaler Bedeutung wie Movimentos Festival, Jazz Castle Wolfsburg, Braunschweig Classix Festival sowie City Jazz Night, mit denen Musiker internationalen Formats wie Bobby Mc Ferrin, Jamie Mc Cullum, Kurt Elling oder Sting in die Region kamen. Reichlich internationale Highlights brachte etwa zuletzt das Wolfsburger Festival Movimentos in die Region, Höhepunkte waren Gastspiele echter Jazzgrößen wie Diana Krall oder Gregory Porter. Auch 2015 listete das Festival wieder internationale Topacts wie die Jazzpianistin Eliane Elias.
Derzeit fehlt der Stadt Braunschweig ein Konzertsaal mittlerer Größe für repräsentative Großveranstaltungen. Die Stadt investiert daher aktuell in ein neues kulturelles Veranstaltungszentrums.

Nils Wogram und Mathias Claus Jazz Duo - © by Nizar Fahim

Als Jazzpianist vor Ort war eins der wichtigen Anliegen zu Beginn, auch internationale Musiker zu gemeinsamen Gastspielen nach Braunschweig zu bringen, darunter waren zahlreiche international renommierte Jazzmusiker aus Boston, New York, Japan und Russland, die am interkulturellen Austausch der Stadtkultur mitwirkten. So initiierte Mathias Claus mit den Braunschweiger Klavierbauern das erste deutsch-amerikanische Solo Jazz Piano Recital bereits 2004 in Braunschweig, gefolgt von weiteren internationalen Begegnungen dieser Art. In Braunschweig arbeitet Mathias Claus mit Posaunist und Jazz Echo Preisträger Nils Wogram schon lange kontinuierlich in einem festen Duo, welches nun seit fast 10 Jahren die Konzertarenen im Bereich der Hochkultur geregelt ausverkauft.

Für weitere Dokumentationen der Arbeit starten Sie gerne auf der

Main Page: www.mathiasclaus.com

Jazzpianounterricht

Jazzpianist Mathias Claus ist derzeit Dozent und Jazzpiano Beauftragter der Stadt an der Städtischen Musikschule Braunschweigs, einer der ältesten und bedeutendsten Musikschulen Niedersachsens und auch bundesweit. Die bereits seit 75 Jahren, ehemals im Status einer niedersächsischen Musikhochschule bestehende Traditionsinstitution, gehört mit ihrem hochqualifizierten Lehrerkollegium und hohem Output an Musikhochschulanwärtern sowie bundesdeutscher Musikpreisträger zur Creme der bundesdeutschen Musikschullandschaft, und ist durch ihre Integration im braunschweigisch-städtischen Kulturinstitut ausserordentlich effektiv mitten ins Kulturleben der Stadt integriert.

2003 begann dort der Aufbau der sogenannten Jazzpianoklasse mit dem Ziel, die Jazzpiano Pädagogik in den Dienst der Vielfalt der Jazzgattung zu stellen. Stillschweigend wurde jahrelang mit eigener Handschrift in Zusammenarbeit mit der Gertrud Fricke Stiftung ein in Deutschland einmaliges Stipendien-Fördersystem für jungen Nachwuchs des Jazzpiano aufgebaut, welches bereits zahlreiche Klaviersolisten und Musikstudenten hervorbrachte, und in der Region mit hochrangigen Konzerten als ein städtisches Aushängeschild gilt. Die Unterrichtsklasse versteht sich dabei als künstlerisch orientierte kreative Institution im neuzeitlichen Sinne, beschränkt sich keinesfalls auf puristische Inhalte, macht Musik die dem Zeitgeist der Schüler entspricht, ist weit vernetzt im Braunschweiger Kulturleben, und kooperiert seit Jahren mit vielen wichtigen braunschweigischen Partnern. Höhepunkt ist die jährliche Vergabe des Jazzpianopreises im Monat November in Braunschweigs schönstem Konzertsaal, der Dornse des Altstadtrathauses.

Jazzpianounterricht

Immer wieder erzeugt der Begriff Jazz Verwirrung, man sucht vergeblich nach DER verbindlichen Definition des Jazz, die es schlicht in dieser kreativ ausgerichteten Kunstform zum Glück nicht gibt. Jazz ist eine Ansammlung von Musikstilen und Personalstilen einzelner Musiker, deren inhaltliche Gesetzgebungen sich wissenschaftlich etwa im 10 Jahresturnus wandelten, und diverse Stilbezeichnungen erzeugte.

Mit Ragtime, Gospel und Blues bezeichnen wir etwa Urquellen des Jazz. Das jazztypische improvisatorische Element war noch sehr rudimentär. Mit New Orleans Jazz, Dixieland und Boogie Woogie entwickelten sich erste einfache Improvisationsmodelle des Jazz, weitgehend melodische Variation und Riffimprovisation benutzend. Mit dem Stride Piano entstand nach dem Boogie ein erster bedeutender Solopianostil, den virtuose Two Hand Pianisten wie Art Tatum, später auch Oscar Peterson, prägten. Obschon Improvisation noch an feste Muster gebunden war, welche noch nicht wirklich frei improvisatorisch waren, prägte sich erstmals ein Jazzstil heraus, der eine hochvirtuose instrumentale Beherrschung des Instruments voraussetzte. Die unglaubliche Virtuosität dieser beiden Pianisten muss ihre Zeitgenossen wie ein Keulenschlag getroffen haben, sodass es ihnen sicher manchmal ging wie der Joke in der Tierfabel, als die Schnecke hilflos zum Rennpferd sagte: Warum rennst du denn so, kannst du denn nicht normal laufen ? In den 40er und ab den 70er Jahren sollte sich diese instrumentale Revolution des Jazz wiederholen.

Mit der Swingstilistik der 30er Jahre fand Improvisation seinen Niederschlag in liedhaft melodisch orientierter Improvisation auf Basis diatonischer Harmoniefolgen. Im Bebop der Vierziger verabschiedete sich der Jazz von diesen melodischen Modellen und wandte sich der instrumental-virtuosen Melodie- und Phrasenbildung auf Basis zunehmend chromatischer Konzepte zu, simple sangliche Melodik des Swing war absolut verpönt, komplexe up tempo Melodik auf Basis instrumentaler Virtuosität das neue Ideal. In den 50ern wurde das Rad der Zeit letztmals zurückgedreht, mit Hard Bop kehrte nochmals einfache bluestypische Melodiebildung zurück, die sich im Cool Jazz nochmals durch eine an impressionistischer Klassik orientierter Ästhetik der "Sparsamkeit" in der Melodiebildung reduzierte. Der West Coast Jazz um Dave Brubeck nutzte gar klassische kontrapunktische melodische Modelle. Mit dem Free Jazz der 60er Jahre endete die konventionelle, rein melodische Orientierung der Jazzimprovisation abrupt. Man negierte solche Liedstrukturen.

Der Jazz seit den 70ern ist sehr vielschichtig, bezog zunehmend externe Einflüße wie Elektronik, Weltmusik, Rock, Soul und Funk, und zuletzt popmusikalische Einflüße ein, und ist seither in seiner enormen Vielfalt kaum mehr einzugrenzen. So orientierte der zeitgenössische Contemporary Jazz seine Melodiebildung eher am Ideal des Bebop, Konstruktivismus ersetzte oft die liedhafte gesangliche Swingmelodik durch instrumental-virtuose Melodiemodelle, pionierhaft ausgeprägt durch Pianisten wie Chick Corea. Dass Jazz also heute immer den liedhaft-melodischen Gesichtspunkten des Swing der 30er Jahre zu folgen hätte, ist also eher eine unreale, rückwärtsgewandte Sichtweise einer weit reichhaltigeren Kulturform.
Selbes gilt auch für die rhythmische Entwicklung der Melodiebildung, war hier im Swing der 30er Jahre noch die Achtelnote verbindlich, haben sich zeitgenössicher Jazz und Funk längst in komplexe Double Time Bereiche verlagert. Die Musiker mussten zu diesem Quantensprung erstmal lernen ihre melodische Vorstellungsfähigkeit in doppelte Tempi weiterzuentwickeln. Pionierhaft waren dabei Jazzvirtuosen wie etwa Chick Corea, Mike Brecker, John Mc Laughlin oder Jaco Pastorius. Andere konnten diesem Generationswechsel nicht folgen und nahmen Haltungen der sogenannten Jazzpuristen ein, Menschen die mit dem Ende der liedhaften Melodieorientierung des Jazz unsinnigerweise das Ende der Jazzära in Verbindung bringen wollten, und jegliche Neuerungen des Genres negieren wollten, oder führten mit dem Mainstream Jazz die Swingtradition unter modernisierten Gesichtspunkten weiter.

Zur Verunsicherung der Jazzdefinition trug natürlich die Kommerzialisierung des Jazz bei, ehemals rein an der Sache orientierte Musikwissenschaftler wie Joachim Ernst Behrendt, welche Jazz wissenschaftlich fundiert aufarbeiteten, wurden teils verdrängt durch sachfremde Informationsinhalte wie kommerzielle Werbekampagnen. Werden Sie also eher selbst Experte, trauen Sie Ihrem eigenen Ohr, lernen Sie Stilistiken des Jazz und ihre verschiedenartigsten Ansätze zu differenzieren. Hören Sie Jazz, etwa auf NDR Info gibt es qualifizierte Abendsendungen der Jazzredaktion. In Presseorganen wie der Jazzthetik erhalten Sie zudem qualifizierte journalistische Abhandlungen des Jazz.

Jazz today ist jedenfalls eine kreative Kunstform die sich vieler Einflüße bedient, ihr verbindliches Element ist, eine kreativ-improvisatorische Kunstform zu sein.